Europa kauft Rohstoffe. Und verkauft Maschinen zurück.
82 Prozent dessen, was die EU aus dem subsaharischen Afrika einführt, sind Primärgüter. 67 Prozent dessen, was sie zurückverkauft, sind Fertigwaren. Die Zahlen stammen aus der Statistik der Europäischen Kommission selbst — und drei der Dinge, die ich prüfen wollte, haben die Prüfung nicht überlebt.
Ich wollte für diesen Text sieben Dinge belegen. Vier konnte ich belegen. Bei dreien habe ich keine Zahl gefunden, die einer Gegenprüfung standhält. Am Ende steht, welche das sind — denn dass sie fehlen, ist selbst ein Befund.
Fangen wir mit dem an, was sich belegen lässt.
Die Struktur
Die Europäische Kommission veröffentlicht ein Datenblatt über den Warenhandel mit den afrikanischen AKP-Staaten. Es steht offen im Netz, es ist ihre eigene Statistik, und es beschreibt die Beziehung präziser, als es jede Broschüre täte.
- EU-Einfuhren aus der Region
- EU-Ausfuhren dorthin
Datentabelle
| EU-Einfuhren aus der Region | EU-Ausfuhren dorthin | |
|---|---|---|
| Primärgüter | 74.935 Mio. € | 22.552 Mio. € |
| Fertigwaren | 13.874 Mio. € | 48.125 Mio. € |
Werte in Millionen Euro. Die Anteile summieren sich nicht auf 100 Prozent — „sonstige Güter“ machen 2,1 Prozent der Einfuhren und 0,4 Prozent der Ausfuhren aus.
Von 91,4 Milliarden Euro, die die EU 2025 aus der Region einführte, waren 82,0 Prozent Primärgüter und 15,2 Prozent Fertigwaren. Von den 71,6 Milliarden, die sie zurückverkaufte, waren 67,2 Prozent Fertigwaren. Der größte Einfuhrposten sind Mineralien (37,2 Prozent), der größte Ausfuhrposten Maschinen und Apparate (25,4 Prozent).
Das ist kein Ausreißerjahr. Die Reihe von 2022 bis 2025 zeigt dieselbe Form, Jahr für Jahr.
Roh gegen verarbeitet. Das ist keine Anklage, das ist eine Messung.
Drei Dinge muss man dieser Grafik sofort hinterherschieben, sonst lügt sie.
Erstens die Geografie. „AKP-Afrika" sind 48 Staaten südlich der Sahara, Südafrika eingeschlossen. Nordafrika ist nicht dabei. Der gesamte EU-Afrika-Warenhandel lag 2024 bei rund 356 Milliarden Euro — die Zahlen hier decken also weniger als die Hälfte ab. Wer diese Grafik „EU–Afrika" nennt, untertreibt die Beziehung um mehr als das Doppelte.
Zweitens die Definition. Die Kategorie „Primärgüter" der Kommission enthält auch Position 68 der SITC-Systematik: Nichteisenmetalle. Geschmolzenes, raffiniertes Metall zählt also als Primärgut. Wer aus dieser Grafik „unverarbeitet" liest, liest zu viel hinein.
Drittens: Anteile, die sich nicht zu hundert summieren, sind kein Rechenfehler, sondern die Restkategorie.
Das Kapital fließt in eine Richtung
- EU-Bestand in Afrika
- Afrikas Bestand in der EU
Datentabelle
| EU-Bestand in Afrika | Afrikas Bestand in der EU | |
|---|---|---|
| 2021 | 267.535 Mio. € | 117.677 Mio. € |
| 2022 | 279.370 Mio. € | 108.042 Mio. € |
| 2023 | 242.799 Mio. € | 68.060 Mio. € |
| 2024 | 250.668 Mio. € | 74.639 Mio. € |
Werte in Millionen Euro. Netto-Positionen auf Basis des unmittelbaren Partners, einschließlich Zweckgesellschaften — auf Bruttobasis liegt der EU-Bestand für 2023 rund 19 Milliarden höher.
Quelle Eurostat, Datensatz bop_fdi6_pos (BPM6), Netto-Bestände, unmittelbarer Partner, Datenstand 09.06.2026
2024 hielt die EU Direktinvestitionsbestände von 250,7 Milliarden Euro in Afrika. Afrika hielt 74,6 Milliarden in der EU. Verhältnis: 3,4 zu 1.
Auch hier eine Warnung, und diesmal eine, die in die andere Richtung zeigt: Die Reihe „Afrikas Bestand in der EU" hat 2018/19 einen Strukturbruch — sie sprang in einem einzigen Jahr um 265 Prozent. Man kann aus ihren Bewegungen deshalb keine Geschichte über afrikanisches Kapitalverhalten erzählen. Ich erzähle sie nicht.
Wo dieses Kapital angeblich steckt — und wo wirklich
Hier wird es interessant, weil die naheliegende Schlagzeile beim Hinsehen zerfällt.
Bucht man die EU-Bestände in Afrika nach Wirtschaftszweig, dominiert der Finanzsektor: 38,9 Prozent, gegenüber 17,6 Prozent im verarbeitenden Gewerbe. Daraus ließe sich die schöne, scharfe These bauen: Europa investiert in Afrika nicht in Produktion, sondern in Finanzvehikel.
Nur stimmt sie so nicht.
- wie gebucht
- ohne Zweckgesellschaften
Datentabelle
| wie gebucht | ohne Zweckgesellschaften | |
|---|---|---|
| Finanz- und Versicherungsdienstleistungen | 38,9 % | 23 % |
| Verarbeitendes Gewerbe | 17,6 % | 22,6 % |
| Bergbau | 9,8 % | 12,2 % |
Anteil am jeweiligen Gesamtbestand in Prozent. Zweckgesellschaften („special purpose entities“) machen 22,7 Prozent des Gesamtbestands aus — und 54,3 Prozent allein der Position „Finanzdienstleistungen“. Eurostat selbst und die EZB empfehlen, sie für ökonomische Analysen herauszurechnen.
Quelle Eurostat, bop_fdi6_pos (BPM6), Bestände 2023, EU27 → Afrika, nach NACE Rev. 2; entity = TOTAL gegenüber entity = SPE
Mehr als die Hälfte des Finanz-Postens sind Briefkastenfirmen — Durchleitungsvehikel, kein Geld, das in Afrika arbeitet. Rechnet man sie heraus, liegen Finanzsektor (23,0 Prozent) und verarbeitendes Gewerbe (22,6 Prozent) praktisch gleichauf.
Die scharfe These stirbt an der Fußnote. Ich habe sie trotzdem aufgeschrieben, weil das Sterben der Punkt ist: Die gebuchte Zahl und die wirtschaftliche Zahl sind zwei verschiedene Dinge, und wer nur die erste zitiert, argumentiert mit einem Artefakt.
Der Preis, Geld nach Hause zu schicken
Datentabelle
| Kosten | |
|---|---|
| Naher Osten & Nordafrika | 5,1 % |
| Südasien | 5,3 % |
| Lateinamerika & Karibik | 5,6 % |
| Ostasien & Pazifik | 5,8 % |
| Europa & Zentralasien | 6,8 % |
| Subsahara-Afrika | 8,5 % |
Durchschnittliche Gesamtkosten in Prozent des Sendebetrags, über alle erfassten Sendeländer. Das ist ausdrücklich KEIN Europa→Afrika-Wert: der Durchschnitt für Subsahara-Afrika enthält auch die teuren innerafrikanischen Korridore. Das Nachhaltigkeitsziel 10.c der Vereinten Nationen liegt bei 3 Prozent.
Quelle Weltbank, Remittance Prices Worldwide, Ausgabe 54 (Q3 2025)
8,46 Prozent. Subsahara-Afrika ist die teuerste Region der Welt, um Geld hinzuschicken — knapp das Dreifache des UN-Ziels von 3 Prozent, und deutlich über dem globalen Schnitt von 6,36 Prozent. Neun der dreizehn Korridore weltweit, die über 20 Prozent kosten, beginnen in Subsahara-Afrika.
Die Weltbank nennt als Gründe: zu wenig Wettbewerb unter den Anbietern und fehlende Interoperabilität über Grenzen hinweg. Das sind keine Naturkonstanten. Das sind Konstruktionsfehler, und Konstruktionsfehler kann man beheben.
Eine Grafik, die ich nicht zeichne
Es kursiert die These, China habe die EU als größten Handelspartner Afrikas überholt. Sie lässt sich belegen — und widerlegen. Mit demselben Dokument.
Auf Seite 8 des Kommissions-Datenblatts, gerechnet auf Basis des Internationalen Währungsfonds: China 157,4 Milliarden Euro, EU27 139,9 Milliarden. China vorn.
Auf Seite 2 desselben PDFs, gerechnet auf Basis von Eurostat Comext: EU27 163,0 Milliarden. Das sind 23,1 Milliarden oder 16,5 Prozent mehr — und damit mehr als China.
Dieselbe Behörde, dasselbe Dokument, dasselbe Jahr, zwei Datensätze, entgegengesetztes Ergebnis. Beim direkten Vergleich zweier Länder ist die IWF-Reihe die methodisch richtige, also gilt: China liegt vorn. Aber wer die beiden Reihen in eine Grafik legt, produziert eine Lüge mit korrekten Zahlen.
Deshalb steht hier keine Grafik. Ein Balkendiagramm hätte den Konflikt versteckt; ein Absatz kann ihn zeigen.
Was die Beziehung für wen bedeutet
Die afrikanischen AKP-Staaten machten 2025 3,2 Prozent des EU-Außenhandels aus. Die EU machte 21,4 Prozent des Handels dieser Region aus.
Und selbst diese 3,2 Prozent schmeicheln Europa: Der Nenner ist der Extra-EU-Handel. Zählt man den Handel der Mitgliedstaaten untereinander mit — was ökonomisch korrekt wäre —, fällt der Anteil auf etwa 1,5 Prozent. Die Asymmetrie ist also größer, nicht kleiner, als die erste Zahl vermuten lässt.
Dazu eine Entwicklung, die in Brüssel niemand gern vorträgt: Der EU-Handelssaldo mit der Region kippte von +5,0 Milliarden Euro (2015) auf −19,9 Milliarden (2025). Die EU-Ausfuhren dorthin sind drei Jahre in Folge geschrumpft. Nominal stiegen sie im ganzen Jahrzehnt um 2,3 Prozent — real ist das ein deutlicher Rückgang.
Ehrlichkeitshalber: Der Umschwung ist zu einem großen Teil ein Energiepreiseffekt, mineralische Brennstoffe allein sind 32,4 Prozent der EU-Einfuhren aus der Region. Und für Afrika insgesamt, Nordafrika eingeschlossen, ist das Bild deutlich milder. Der Befund gilt für die AKP-Gruppe, nicht für den Kontinent.
Die drei Löcher
Ich wollte außerdem belegen: was Europa an Energie und kritischen Rohstoffen aus Afrika bezieht und wo diese Rohstoffe verarbeitet werden; wo bei Seekabeln und Rechenzentren die Wertschöpfung anfällt; und wie viel von den 150 Milliarden Euro, die die EU unter „Global Gateway" für Afrika angekündigt hat, tatsächlich ausgezahlt wurde.
Zu keinem dieser drei Punkte habe ich eine Zahl gefunden, die der Gegenprüfung standhält.
Das ist bemerkenswert. Nicht, weil es die Daten nicht gäbe — sondern weil das, was frei zirkuliert, beim Nachfassen zerfällt. Eine viel zitierte Zahl zum Einbruch der Projektfinanzierung fiel durch. Das Kakao-gegen-Schokolade-Beispiel, mit dem üblicherweise die europäische Zolleskalation illustriert wird, fiel durch. Die Behauptung, Rücküberweisungen überträfen die Direktinvestitionen um das Anderthalbfache, fiel durch. Die Behauptung, Europa sei Afrikas größter Investor, fiel durch.
Besonders die Auszahlungsquote von Global Gateway ist wahrscheinlich der wichtigste Wert der ganzen Serie — und der am schlechtesten belegte. Das ist keine Nebensächlichkeit. Wenn die zentrale Kennzahl eines 150-Milliarden-Versprechens nicht öffentlich nachprüfbar ist, ist das die Geschichte.
Und die Zolleskalation, mit der ich fest gerechnet hatte? Der Mechanismus ist real und von der UNCTAD dokumentiert: Verarbeitetes wird höher besteuert als das Rohmaterial, aus dem es gemacht ist. Aber für Unterzeichner der Wirtschaftspartnerschaftsabkommen und für die ärmsten Länder erhebt die EU null Zoll — auf beides. Die Eskalation trifft vor allem, wer weder das eine noch das andere ist. Nigeria ist der offensichtliche Testfall. Die eigentliche Barriere liegt dann nicht im Zolltarif, sondern in Ursprungsregeln und den Kosten, Hygiene- und Pflanzenschutzauflagen nachzuweisen.
Auch das ist ein Ergebnis: Die Geschichte, die ich erwartet hatte, war die falsche.
Was übrig bleibt
Die Verflechtung ist real, sie ist gemessen, und sie ist in jeder belastbaren Dimension asymmetrisch. Europa kauft Rohstoffe und verkauft Maschinen zurück. Europäisches Kapital in Afrika ist dreieinhalbmal so groß wie afrikanisches in Europa. Geld nach Hause zu schicken kostet nirgendwo auf der Welt mehr.
Gleichzeitig verliert Europa die Beziehung, an der es angeblich hängt: Die Ausfuhren schrumpfen seit drei Jahren, und beim Handelsvolumen ist China vorbeigezogen.
Das ist die Struktur. Ob sie gut ist, ist eine andere Frage — und darauf gibt es mehr als eine Antwort. Die nächsten beiden Teile suchen sie.
Alle Zahlen dieses Textes stammen aus Primärquellen und tragen ihre Quelle unter der jeweiligen Grafik. Behauptungen, die die Gegenprüfung nicht überlebt haben, stehen nicht darin — auch dann nicht, wenn sie meine These gestützt hätten.